Selbstverletzendes Verhalten

Es gibt die unterschiedlichsten Arten der Selbstverletzung. Eine der bekanntesten ist das Rauchen, das meist nicht damit in Verbindung gebracht wird, weil es allgemein akzeptiert ist.

Im Bereich unserer Arbeit haben wir es meist mit Formen zu tun wie

  • sich selbst schlagen
  • Kopf schlagen (an Wänden oder harten Gegenständen)
  • sonstige Glieder an harte Gegenstände schlagen
  • blutig kratzen
  • Herausreißen von Fleischstücken aus dem Körper u.a.

Bis in die 80 er Jahre, aber auch in verschiedenen Bereichen bis heute, wurde die Selbstverletzung meist durch so genannte „Fixierung“ verhindert, die ärztlich angeordnet wurde. „Fixierung“ bedeutet, dass der Mensch so festgebunden wurde, dass er seine Selbstverletzung nicht durchführen konnte. Ziel war der „Schutz“ des Menschen vor Verletzungen, leider wurde er dabei auch vor seiner sonstigen Entwicklung „geschützt“.

Hier haben wir einen anderen Weg gesucht und auch gefunden.

Wir gehen davon aus, dass jedes Verhalten in sich einen Sinn trägt. Es gibt dafür einen wichtigen Grund, sonst würde es nicht auftreten. Jeder Mensch hat gleiche Bedürfnisse. Um sie zu erfüllen, müssen wir uns ständig in Einklang mit unserer Umgebung bringen, müssen wir uns ständig verständlich machen. Wir sehen im so genannten „störenden Verhalten“ die gleiche Anpassungsleistung oder Art der Mitteilung wie z. B. im Verfassen einer Diplomarbeit. Beides wird getan, um anderen Menschen etwas Wesentliches mitzuteilen.

 

Deshalb versuchen wir bei selbstverletzendem Verhalten herauszufinden, was der jeweilige Mensch uns damit deutlich machen will. Auf jeden Fall akzeptieren wir die Selbstverletzung als Mitteilung und bezeichnen sie nicht als „Fehlverhalten“, „Provokation“ oder auf sonstige Art herabwürdigend.

Einige Beispiele:

  • Eine junge Frau kniff sich häufig so stark in die Arme, dass sie tiefe Wunden davon bekam. Wir konnten feststellen, dass sie durch Störungen im Verdauungsapparat in unterschiedlichen Abständen dermaßen große Schmerzen hatte, dass sie versucht hat, diese mit anderen Schmerzen zu übertönen und, da sie nicht sprechen konnte, uns auf diese Weise ihre Not mitteilte. Nachdem sie zur Unterstützung der Verdauung regelmäßig Kolonmassagen bekam, tauchte dieses Verhalten nicht mehr auf.Die bis dahin gültige Handlungsweise war, die junge Frau zu fixieren. Der „Schutz“ wurde so zur zusätzlichen Quälerei.
  • Ein Mädchen schlug sich beständig an den Kopf, wenn sich nicht eine Betreuerin direkt mit ihr beschäftigte. Wir konnten herausfinden, dass sie auf diese Art um Beschäftigung bat. Nachdem wir ihr deutlich gemacht haben, dass wir andere Arten der Sprache ebenso verstehen können, konnte sie das für alle sehr belastende Verhalten beenden, da die Menschen in ihrer Umgebung auch andere „Sprachen“ verstanden haben. Das Mädchen konnte sich in der Folge so gut entwickeln, dass es z. B., dann schon als junge Frau, andere Menschen zum Tee in ihr Zimmer eingeladen hat. Auch hier war vorher die Fixierung auf ärztliche Anweisung das Mittel, mit dem das Mädchen „geschützt“ wurde. Das es sich dabei nicht weiterentwickeln konnte, wurde in Kauf genommen.
  • Ein Junge drückte sich immer, wenn eine Hand frei war, die Augäpfel heraus. Wir stellten fest, dass er auf diese Art seine Betreuerinnen an sich binden wollte. Eine andere Art der „Sprache“ wurde nicht gehört. Wir achteten auf jede andere Äußerung von ihm und beachteten sein Augen-Herausdrücken nicht. Dadurch „löschte“ sich letzteres Verhalten und der Junge lernte, dass er sich auf andere Weise verständlich machen konnte. Auch in diesem Fall wurde der Junge, bevor er zu uns kam, zu seinem „Schutz“ fixiert, wenn sich niemand um ihn kümmern konnte. Bei der Personalknappheit war das sehr häufig der Fall und der Junge konnte wegen der Dauerfixierung nichts anderes lernen. Die Angst davor, dass er sich die Augen herausreißen könnte, war größer als die Angst davor, dass der Junge nicht am Leben teilhaben konnte.
  • Inzwischen ist die Sichtweise und „Behandlung“ des Selbstverletzenden Verhaltens, wie wir es Anfang der 80er Jahre entwickelt haben, in seiner Wirksamkeit erwiesen und in der wissenschaftlichen Literatur Allgemeingut. Trotzdem wird immer wieder nicht „die Sprache“ hinter dem Verhalten gesucht, sondern die Belastung im Vordergrund gesehen. Meist führt das dazu, dass mit medizinischen Mitteln versucht wird, das Verhalten zu verhindern. Nicht mehr allein mit Fixierung, sondern immer mehr auch mit Medikamenten.
  • Wir gehen auf unserem Weg weiter, sehen wir doch immer wieder Erfolge.

    Grundaussagen

    1. Jeder Mensch ist lernfähig. Das Ausmaß der Lernfähigkeit variiert aber in Art und Umfang und ist abhängig von der Gedächtnisleistung.
    2. Jeder Mensch hat Lebenskräfte und entfaltet diese, wann immer es ihm möglich ist.
    3. Jeder Mensch entwickelt sich optimal nur in der menschlichen Begegnung. Positive Entwicklung baut auf positiver Erfahrung und erworbenem Vertrauen auf - Vertrauen in Menschen und Abläufe.
    4. Entwicklung ist ein Lebensvorgang, der unterstützt, angeregt oder ermöglicht werden kann.
    5. Entwicklung verläuft nicht kontinuierlich. Entwicklung ist ein vielgestaltiger Prozess unterschiedlicher Fähigkeiten, der in Fertigkeiten sichtbar wird.
    6. Jedes Verhalten trägt in sich einen Sinn, „hat seinen guten Grund“. Ein aufmerksames Gegenüber kann Verhalten entschlüsseln, verständnisvoll reagieren und dadurch hilfreich zur Seite stehen.
    7. Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse. Sie gestalten sich nur unterschiedlich aus.
    8. Auch sogenanntes störendes, sozial unangepasst erlebtes Verhalten ist eine Anpassungsleistung, um in den aktuellen Lebensbezügen physisch und psychisch zu überleben.
    9. Jeder hat seine Lerngeschichte mit negativen, positiven und nicht gemachten Erfahrungen.
    10. Der Mensch ist auf Selbstbestimmung und Selbstentfaltung angelegt.
    11. Bei geistig behinderten Menschen sind selbst- und fremdschädigende Verhaltensweisen nicht selbstbestimmt.
    12. Selbstbestimmung und Selbstentfaltung finden immer dort ihre Grenzen, wo sie andere in ihrer Selbstbestimmung und Selbstentfaltung behindern.

    Die Grundaussagen sind zitiert nach Ulrich Rohmann und Ulrich Elbing.